Brigitte Reimann Halbportrait
Brigitte Reimann
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Brigitte Reimann - "Es war einmal -"
Veralore Schwirtz war eine Schulfreundin von Brigitte Reimann, die mit ihr bis zum Jahr 1953 regelmäßig Briefe wechselte. Danach brach der Kontakt ab. Erst knapp 20 Jahre später, kurz vor dem Tod Reimanns, schrieb Veralore Schwirtz erneut an Brigitte Reimann. In der Antwort lässt Reimann ihr extremes Leben als eine "Lebensgeschichte" Revue passieren:
Eine Lebensgeschichte, die sich vor drei Jahren noch gut und erfreulich angehört hätte; heute ist es eine Geschichte, über der stehen müßte: „Es war einmal -“ Es war einmal eine höchst lebendige Frau, die zweimal ein Studium begann, zweimal den Hochschulen entlief, aus Rebellion gegen ihre Herren Lehrer, provisorisch Lehrerin wurde, während sie ihr erstes Buch schrieb (diese Frau am Pranger - Herrje, damals war ich beinahe noch ein Kind), eine Menge Männergeschichten hatte, eine Menge Dummheiten beging – die sie bis heute nicht bereut – viermal heiratete, kein Kind wollte – was sie heute ein bißchen bereut -, weil sie Schreiben für wichtiger hielt, und die Kneipen und Luxusbars, Hinterhofwohnungen und die Villen der Prominenz kennenlernte; es war einmal eine Schriftstellerin, die zu früh und zu viel Erfolg hatte, manchmal hungerte und manchmal wahnsinnig viel Geld verdiente, einen Haufen Orden bekam und so ziemlich alle Literaturpreise, die hierzulande verliehen werden, an eine Große Sache glaubte und an einer Großen Sache zweifelte, sich nach fremden Ländern sehnte und nur die Nachbarschaft zu sehen bekam, Polen, Prag, Moskau – und allerdings das herrliche unvergeßliche Sibirien, Baikalsee und die Taiga, und die in jungen Jahren verhaftet wurde und eingesperrt werden sollte, und die zehn Jahre später am Tisch von Walter Ulbricht Abendbrot aß, mal ganz unten und mal ganz oben war, mit berühmten Malern und Literaten verkehrte und als Hilfsschlosser in der Brigade im Braunkohlenkombinat arbeitete – kurzum: es war einmal, und es war gut so, und auch das Schlimme und Dreckige war in seiner Art gut.
Heute erinnern sich noch ein paar Leser, daß es mal eine B. R. gegeben hat; heute habe ich noch ein paar Freunde, auf die ich stolz bin, weil sie nicht nur zu den besten Schriftstellern unseres Landes zählen, sondern auch gütige Menschen sind (das geht nicht immer zusammen, wie ich früher dachte); heute schreibe ich unter Qualen an meinem ersten guten Roman, der wahrscheinlich auch mein letzter sein wird; […] sitze in einer Wohnung, die mit Tausenden von Büchern vollgestopft ist, mit kostbaren alten Möbeln und Uhren, sehe mich um und begreife allmählich, wie nichtig der Besitz ist, der uns einst besessen hat […]; heute gehe ich durch die Straßen, wo mir die jungen Männer nachpfeifen, wo die Leute spazieren, die so unverschämt, so beneidenswert gesund sind, trage einen Mädchenkörper mit mir herum und spüre bei jedem Schritt, wie dieser Körper von innen her zerfällt, wie der Tod geräuschlos und unaufhaltsam in den Wirbeln frißt, und während ich grüße und lächele, möchte ich brüllen vor Verzweiflung, diesen gesunden Menschen zuschreien, wie ungerecht es ist, wie entsetzlich ungerecht.
(aus einem Brief an Veralore SchwirtzSchwirtz, Veralore: Schulfreundin, bis 1953 im regen Briefwechsel mit Brigitte Reimann. 1973, kurz vor dem Tod B.R., schrieb die Freundin an B.R. erneut einen Brief und bekam Antwort: Der in diesem Briefwechsel abgedruckte Brief beginnt mit den Worten: "Es war einmal...", 30.03.72)
Erinnerungen an Brigitte Reimann - Interviews von Zeitgenossen
Klicken Sie hier, um sich das Video in einem neuen Browserfenster anzusehen. Wolfgang Schreyer (geb. 1927, Schriftsteller)
spricht über seine erste Begegnung und die darauf folgende, lange Freundschaft mit Brigitte Reimann.
 
Direktdownload: schreyer [AVI, 15MB, 6:37 min.]
Klicken Sie hier, um sich das Video in einem neuen Browserfenster anzusehen. Helmut Sakowski (geb. 1924, Schriftsteller)
erinnert sich an sein erstes Treffen mit Brigitte Reimann und den Eindruck, den sie als junge Frau bei ihm hinterlassen hat.
 
Direktdownload: sakowski [AVI, 7MB, 3:10 min.]
Klicken Sie hier, um sich das Video in einem neuen Browserfenster anzusehen. Christa Wolf (geb. 1929, Schriftstellerin)
erinnert sich an eine Reise mit B.R. nach Moskau und beschreibt die unterschiedlichen Schreib- und Denkweisen der Schriftstellerinen.
 
Direktdownload: wolf [AVI, 19MB, 6:42 min.]

*Die drei Videos entstammen dem Film Ankunft und Abschied. Die Neubrandenburger Jahre der Brigitte Reimann. Autoren: Heide Hampel, Jürger Tremper. Produktion: Video Magic Staufenbiel GmbH, 1998.
** Die Videos können z.B. mit dem VLC media player angesehen werden.

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