Brigitte Reimann Halbportrait
Brigitte Reimann
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Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-63
Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-63. Aufbau-Verlag. 1997.
"Ich habe zu früh Erfolg gehabt, den falschen Mann geheiratet, in den falschen Kreisen verkehrt; ich habe zu vielen Männern gefallen und an zu vielen Gefallen gefunden.“  - ihr Leben, welches Brigitte Reimann hier kurz vor ihrem Tod in einem Brief an Veralore Schwirtz in einem Satz zusammenfasst, liest sich in Ich bedaure nichts fast wie eines ihrer Bücher selbst, wie ein Roman. Da sie alle früheren Notizen verbrannte, setzen die Tagebücher erst 1955 ein. Zu diesem Zeipunkt beginnt Reimann gerade, sich von ihrem ersten, 'falschen' Ehemann zu trennen und lernt den Schriftsteller Siegfried PitschmannPitschmann, Siegfried (1930-2002): Schriftsteller; zweiter Ehemann von Brigitte Reimann kennen. Des Weiteren erfährt man mehr über die Entstehung ihrer ersten schriftstellerischen Erfolge Die Frau am Pranger und Die Kinder von Hellas und erhält einen Einblick in den Alltag in der DDR der 1950er und 60er Jahre.
 
Hörproben:
Tagebucheintrag vom 16.02.1960 [mp3 | ogg]*
Tagebucheintrag vom 01.02.1961 [mp3 | ogg]
Tagebucheintrag vom 04.10.1961 [mp3 | ogg]
 

12.11.59, Burg
"Als ich heute früh die Asche aus dem Ofen nahm - feine, schneeweiße, zartblättrige Asche -, war ich töricht genug, zu staunen. Als hätte ich nicht damit gerechnet, dass sich die Zeugnisse von zehn Jahren während weniger Minuten in Asche verwandeln könnten. [...] Ich bin so verwirrt, erfüllt von traumhaft-unwirklichen Empfindungen. Ich hätte diesen ganzen alten Plünder (an dem mein Herz hängt ...) nicht noch einmal lesen sollen. Nur die letzten Seiten im Tagebuch von 1958: ein junger und schöner Mensch mit herrlichen Augen, mit mageren nervösen Händen ..., eine Begegnung wie keine andere zuvor [...]." (S. 124)


* Die Ausschnitte entstammen dem beim Der Audio Verlag erschienenen Hörbuch Ich bedaure nichts. Sprecherin ist Jutta Hoffmann.
** Die Tagebucheinträge können z.B. mit dem VLC media player angehört werden.
Alles Schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964-70
Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964-70. Aufbau-Verlag. 1998.
„Die große Liebe ist kaputt, ich sitze in einer fremden Stadt, ziemlich allein. Und ich bin nicht mehr jung, ich bin eine Amazone. Herrgott, und dieses Buch! Das wird ein hartes Stück Arbeit, über so viel Persönliches hinwegzukommen und eben ein Buch zu schreiben. Inzwischen muß ich mir immer wieder sagen: Ich habe eine literarische Figur geliebt. Übrigens hat mir Jon das schon vor einem Jahr gesagt. Ich erinnere mich, daß ich nach einer Auseinandersetzung [...] seine Worte aufgeschrieben habe, um sie später in meinem Buch zu verwenden. Der unschuldige Zynismus der Schriftsteller.“
Es war dieser scharfe, auch unerbittlich gegen sich selbst gerichtete Blick der Schriftstellerin Brigitte Reimann, der ihre Tagebücher zu einem einzigartigen Zeugnis ihres ruhelosen, leidenschaftlichen, kreativen Lebens werden ließ, welches zugleich Geist und Stimmung einer Periode der ostdeutschen Nachkriegsgeschichte einfängt.
 

"... Es war zwecklos, ihnen zu erklären - sie wollen uns mißverstehen, die ganze Sitzung war bestimmt durch diese widerliche Atmosphäre: böswillige Unterstellungen, politische Verdächtigungen.
Schließlich nahmen wir keine Rücksichten mehr (und wirklich: was können die uns schon tun?), und ich sagte, wir hätten es satt, uns von Leuten über Kultur belehren zu lassen, die selbst keine Kultur haben. In jedem Fach herrscht heute Wissenschaftlichkeit, ein Funktionär wage es nicht mehr, einem qualifizierten Ingenieur in sein Fachproblem reinzureden - nur auf dem Gebiet Kunst fühle sich noch jedermann bemüßigt, fröhlich und ahnungslos zu quatschen."

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