Interview des Nordkurier mit Dr. Margrid Bircken, der Vorsitzenden der Brigitte Reimann-Gesellschaft, anlässlich des 30. Todestages von Brigitte Reimann am 20.02.08
Simone Schulz Mit dem Anspruch, sich als Diskussionszentrum zu profilieren, ist die Brigitte Reimann-Gesellschaft 1999 gegründet worden. Wie hat sie sich seither entwickelt?
Dr. Margrid Bircken Wir haben tatsächlich ein Netzwerk, auch mit internationaler Wirkung, zustande gebracht. Gerade entwickeln wir ein Konzept mit jungen Leuten - das bietet sich durch meine Arbeit an der Universität Potsdam an, und der 2. Vorsitzende Withold Bonner macht das in Tampere, wo er lehrt, ähnlich. Auch die Internet-Seite www.brigittereimann.de wird von jungen Leuten gestaltet und gepflegt. Das ist gut für die Präsenz der Autorin ebenso wie der Gesellschaft.
Verbindungen zu Architektur, Reisen oder Netzwerken schreibender Frauen waren in den vergangenen Jahren Themen literarischer Konferenzen. Welche Aspekte tun sich noch für die Forschung auf?
Da fällt auf, dass Brigitte Reimann nicht 'intern' untersucht, sondern in immer neuen Kontext gestellt wird. Ganz neu liegt zum Beispiel eine Magisterarbeit vor, die sich mit Brigitte Reimann und Sybille BergBerg, Sybille (geb. 1962): ehem. Lexikonverkäuferin, Puppenspielerin und Tierpräparatorin; jetzt Schriftstellerin beschäftigt. Solche Themen geben wir nicht vor, die bringen die jungen Leute von sich aus ein. Es gibt gewissermaßen einen Trend in der Forschung, 'Klassiker' der vergangenen Jahrzehnte mit Popliteratur in Beziehung zu setzen, sie zu prüfen auf Werteinnerhalb der heutigen Literaturszene Bestand hat.
Lässt sich auch eine Wirkung von Brigitte Reimann auf heutige Autoren feststellen?
Eine solche Rückbindung drängt sich nicht so auf, das müsste man wohl konkret erfragen, ob etwa Sybille BergBerg, Sybille (geb. 1962): ehem. Lexikonverkäuferin, Puppenspielerin und Tierpräparatorin; jetzt Schriftstellerin  auch Brigitte Reimann gelesen und wie sie sie wahrgenommen hat. Aber als wir uns mit der Verbindung von Literatur und Architektur beschäftigten, stießen wir zum Beispiel auf den Schweizer Ingenieur und Schriftsteller Hans BoeschBoesch, Hans (1926-2003): ehem. Verkehrsplaner; Schriftsteller. Er ist 2003 verstorben, aber in seinem Schreiben sind Bezüge zu Reimann unverkennbar.
Withold Bonner von der finnischen Universität Tampere und einige andere mögen als Gegenbeispiel dienen - aber bestätigt sich, dass die Forschung zu Brigitte Reimann vor allem durch weibliche Sichten geprägt ist?
Das nimmt in der Tat zu. Es liegt aber auch daran, dass wir in der Germanistik zu 80 Prozent weibliche Studierende haben. Schon zu DDR-Zeiten haben in meiner Wahrnehmung schreibende Frauen eine große Rolle gespielt. Dennoch hatte ich nie das Gefühl, über 'Frauenliteratur' zu forschen. Eher gab es da den Aspekt, die Frauen in der Literaturgeschichte nicht zu vernachlässigen. Gerade arbeiten wir an einem Projekt mit der schon damals führenden Literaturwissenschaftlerin Ursula Heukenkamp, bei dem wir die Nachkriegs- und DDR-Literatur auch in dieser Frage einer neuen Betrachtung unterziehen.
Noch vor wenigen Jahren haben die Tagebuch-Bände und der Film Hunger auf Leben viel Aufmerksamkeit auf Brigitte Reimann gelenkt. Welchen Eindruck gewinnen Sie davon, wie ihre Bücher heute die Leser erreichen?
Von der Lektorin Angela Drescher aus dem Aufbau Verlag ist zu hören, dass die lieferbaren Titel nach wie vor gefragt sind. Erfolgreich ist auch die Schauspielerin Inés Burdow mit ihrem Reimann-Programm Die Unvollendete. An der Neuen Bühne Senftenberg hat Intendant Sewan Latchinian eine sehr moderne Franziska Linkerhand inszeniert, und in Görlitz gibt es zu diesem Roman ein Opernprojekt. Reimanns Werk ist also durchaus präsent - immer in Wellen, aber das ist bei Bertolt Brecht und Anna Seghers nicht anders. Man muss eben was dafür tun. Der Kunstverein Hoyerswerda zum Beispiel befragt Zeitzeugen für eine Publikation, die im Sommer erscheinen soll, und Heide Hampel und Angela Drescher werden im Aufbau Verlag den Briefwechsel Brigitte Reimanns mit ihren Eltern herausgeben. Natürlich fühlen auch wir als Brigitte-Reimann-Gesellschaft uns in der Pflicht, bei ihrem letzten Ehemann Dr. Rudolf BurgartzBurgartz, Rudolf: vierter Ehemann von Brigitte Reimann, Arzt, dem Erben, immer wieder nach solchen Möglichkeiten zu fragen. 'Selbstläufer' sind verstorbene Autoren nun mal nicht.
Außer dem heutigen Todestag wird am 21. Juli der 75. Geburtstag von Brigitte Reimann zu begehen sein. Welche Rolle spielen solche Jubiläen in der Arbeit einer Namensgesellschaft?
Natürlich wollen wir sie in besonderer Weise begehen, mit Lesungen, einem Kolloquium in Neubrandenburg, einem musikalisch-literarischen Programm und einer Podiumsdiskussion, deren Thema Entwürfe über den Tag hinaus wir uns von Christa WolfWolf, Christa (geb. 1929): Schriftstellerin  leihen. Aber auch als Namensgesellschaft kümmern wir uns nicht allein um Brigitte Reimann, sondern um schreibende Frauen im weiteren Sinne. In diesem Jahr richten wir die Aufmerksamkeit auf Schriftstellerinnen, die wie Brigitte Reimann 1933, im Jahr von Hitlers Machtantritt, geboren wurden, Irmtraud MorgnerMorgner, Irmtraud (1933-1990): Schriftstellerin, ehem. Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, 1975 Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR  zum Beispiel und Maxie WanderWander, Maxie (1933-1977): arbeitete zunächst als Sekretärin, Fotografin, Journalistin und Drehbuchautorin; dann Schriftstellerin. Für meine Generation sind das gewissermaßen die Mütter. Da interessiert es mich auch persönlich, was sie geprägt hat. Daher planen wir im Herbst, wiederum in Neubrandenburg, ein internationales Kolloquium zum Thema Hexen und andere Frauen. Ausgehend von Irmtraud MorgnerMorgner, Irmtraud (1933-1990): Schriftstellerin, ehem. Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, 1975 Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR  s Satz "Der weibliche Ketzer heißt Hexe" soll es um das subversive Potenzial weiblicher Lebensentwürfe gehen.
Der Kunstverein in Hoyerswerda, wo Brigitte Reimann von 1960 bis 1968 lebte, gehört ebenso zu Ihren Partnern wie das Literaturzentrum in Neubrandenburg, wo sie die letzten Lebensjahre verbrachte und das Brigitte Reimann-Literaturhaus jetzt nur noch mit stark reduzierten Möglichkeiten betrieben wird. Wie beobachten Sie diese Vorgänge?
Mit sehr wehmütigem Blick - und das ist eigentlich noch ein zu schwacher Ausdruck. Wir haben an den Auseinandersetzungen der vergangenen Monate sehr intensiv teilgenommen und uns an alle möglichen Verantwortungsträger gewandt. Das Reimann-Haus muss Bestand haben nicht nur als Sammlungsort, sondern als offenes literarisches Zentrum. Die Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften bestätigt die Erfahrung, dass Vereine mit dreierlei Voraussetzungen die Chance haben, mehr als ein Eintagsfliegen-Dasein zu erreichen: Erstens enthusiastische, engagierte Leute, zweitens ein eigenes Haus oder eben Archiv, drittens ein Standbein in Ausbildungseinrichtungen. All das hat die Brigitte Reimann-Gesellschaft. Gegen Geldknappheit kann man wenig machen, aber mit gutem Willen lässt sich doch einiges zuwege bringen. In Hoyerswerda, das ebenfalls nicht in Geld schwimmt, engagieren sich Stadt, Wohnungsgesellschaft und Kunstverein gemeinsam für das Erbe von Brigitte Reimann. Auch in Chemnitz ist die Problemlage ähnlich, aber das Klima ganz anders. Dem 75. Geburtstag von Irmtraud MorgnerMorgner, Irmtraud (1933-1990): Schriftstellerin, ehem. Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, 1975 Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR   ist dort ein großes Kunstprojekt gewidmet. Das dabei entstehende Programm möchten wir übrigens gern durch die Lande schicken, um solche Potenzen mehrfach zu nutzen und unser Netzwerk mit Leben zu erfüllen.

Nordkurier vom 20.02.08