Zitate - Der Vater kehrt aus dem Krieg zurück
01.09.47
„Denk mal an, mein liebes Vatilein hat endlich, nach ½ Jahren wieder geschrieben. Als ich den Brief oder vielmehr die Karte im Flur liegen sah, habe ich ganz laut losgebrüllt vor Freude und Begeisterung. Du hättest mal sehen sollen, wie schnell da sämtliche Kinder zusammenströmten! Man konnte vor lauter Indianerfreudengeheul kein Wort verstehen. 4 Karten sind verlorengegangen. Vati hat doch immer die Karten nummeriert. Und heute nun schreibt er (vom 8. Juli), er finge nun bald wieder an zu arbeiten, ließe sich jetzt immer von der Sonne braten und liest deutsche Zeitungen, die regelmäßig eintreffen. Fein, was?“ (S. 12)
10.10.47
„Zuerst das Allerwichtigste und = schönste: Vati ist gekommen! Ich will Dir der Reihe nach alles von seiner Heimkehr erzählen. Wir hatten zufällig seinen Lieblings =, nämlich Lebkucken gebacken (zum Erntedankfest). Sonnabendvormittag (am 4. Okt.) bekamen wir plötzlich ein Telegramm: 'Eintreffe voraussichtlich Sonnabend. Willi.' Da habe ich mich erst mal auf den Tisch gehauen und geheult – vor Freude natürlich! Dann haben wir den Backofen von Fr. L. geheizt [...], und um 8 abends ist Mutti zum Bahnhof gegangen. ... Lutz ist gleich losgepeest und prompt an Vati vorbei, weil er so verändert aussah. Zuerst haben wir uns gar nicht getraut, uns einen Kuß zu geben, aber nachher war es auch ein sehr, sehr langer! Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie elend Vati aussah! Er hatte scheußliche alte Lumpen und einen groben Russenmantel an und ein dreckiges Russenkäppi auf. Und die furchtbaren Holzschuhe erst! So plump und geflickt! Dazu das knochige Gesicht, die abgeschorenen Haare und - die Sprache! Über die traurigen Äußerlichkeiten konnte ich mich noch hinwegsetzten, obgleich sie ihn auch fremd machten, aber die Sprache stieß mich so ab, dass ich einfach nicht 'Vati' zu ihm sagen konnte! Ich kann Dir gar nicht beschreiben, wie sie war: so nervös, so krank und – und ich weiß nicht, überhaupt so schrecklich fremd! Unterwegs habe ich immerzu geweint, während Lutz solche Hemmungen nicht hatte, sondern immer munter drauflos quatschte. [...] Als wir nach Hause kamen, hat er sich erst mal ausgezogen. (Das Haus stank noch drei Tage später nach Entlausung und Russki.) Und dann hat er gefuttert! Der arme Kerl war gar nicht satt zu kriegen! Wir haben ihm immer mehr Kuchen reingestopft und Fleisch. [...] Die Kleinen haben sich bei der Begrüßung genauso verhalten wie wir Großen: der Ulli, der Junge, gleich ran und Kuß, aber Puppa wollte nicht recht ran, und immer, wenn Vati sie anguckte, rutschte sie ein Stückchen tiefer unter die Bettdecke. Aber als Vati sich am anderen Tag seinen schrecklich entstellenden Bart abgenommen hatte, war sie wieder ganz zutraulich. Jetzt ist uns allen, als wäre er immer da und niemals fort gewesen. Es ist wie früher! Aber eine strengere Zucht herrscht jetzt. Vati ist ziemlich peinlich geworden in der Gefangenschaft.
Natürlich ist er völlig unterernährt, hatte eine doppelseitige Lungenentzündung und ist dicht am Tode vorbeigegangen. Außerdem hat er jetzt noch eine Verschwartung, zersplitterte Kniescheibe, und, glaube ich, noch Wasser in den Füßen. Er ist schrecklich nervös. Wir danken aber Gott, dass er uns Vati überhaupt wieder nach Hause geschickt hat!" (S. 15ff.)
Aus dem Briefwechsel mit Veralore Schwirtz: Aber wir schaffen es, verlaß Dich drauf!