Zitate - Kinderlähmung
24.12.47
„Ach, ich habe Dir ja so viel zu erzählen! An sich geht es mir saudreckig, auf deutsch gesagt. Vorher konnte ich Dir nicht schreiben, weil ich völlig isoliert im Infektionskrankenhaus lag. Ich kann Dir bloß sagen, Kinderlähmung ist so ziemlich die schrecklichste Krankheit, die es gibt. Diese Hilflosigkeit mach mich bald verrückt. Das rechte Bein war zu Anfang vollständig gelähmt, das linke Bein war sehr schwach. Ich habe schrecklich geheult, als ich ins Krankenhaus musste und die Schwestern mir die liebliche Aussicht eröffneten, dass ich die sechs Wochen, bis die Ansteckung vorbei ist, keinen Besuch kriegen dürfte. Aber so schlimm war es dann doch nicht. Ich lag zu ebener Erde, da konnte ich meinen Besuch immer durchs Fenster sprechen. [...]“ (S.17)
10.02.48
„Mit mir hat es sich, Gott sei Dank, schon erheblich gebessert. Während ich zu Hause oft geheult habe wegen meiner Hilflosigkeit und nicht mal ein paar Schritte machen konnte, wenn ich mich stark zwischen Mutti und Vati hängte, gehe ich schon ein paar Schritte ganz allein. Und mit Festhalten kann ich ganz lange gehen. Ich habe aber auch eine prima Masseuse, eine sehr kräftige Natur, und die Kleinen und alle meine Verwandten haben immer so lieb für mich gebetet. ...“ (S. 19f.)
Aus dem Briefwechsel mit Veralore Schwirtz: Aber wir schaffen es, verlaß Dich drauf!
Brief an die Eltern, Dez. 1947/ Jan. 1948
„Ihr braucht Euch keine Sorgen um mich zu machen. Es geht mir soweit ganz gut. Die Schwestern sind sehr nett und das Essen gut und reichlich. Gleich als ich gestern gekommen bin, hat mir der Arzt das Rückenmark punktiert. Es hat zwar scheußlich weh getan, aber ich habe ordentlich die Zähne zusammengebissen. [...] Ich liege allein in einem Zimmer, weil ich augenblicklich der einzige fall von Kinderlähmung bin. Nun habt also keine Angst, ich werde mich schon durchbeißen.“
„Ihr wisst gar nicht, wie dankbar Ihr sein müsst für Eure gesunden Glieder. Ich muß immer wieder weinen, wenn die Schwester mich beim Bettmachen fortträgt und meine Beine so kraftlos hinterherschleichen.“
„Wenn ich daran denke, dass ich hier vierzig von diesen Tagen durchmachen soll, dann könnte ich verrückt werden. Denkt Euch bloß, eventuell muß ich nach den sechs Wochen hier noch nach Magdeburg zur Ausheilung, die sich dann wochenlang hinzieht.“
Aus Briefe/Tagebücher, S.10